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Joachim Fischer
 
 
             







Gesellschaftstheorie und Gegenwartsdiagnostik: Bürgertum, Bürgerlichkeit, Bürgerliche Gesellschaft

Innerhalb der Allgemeinen Soziologie ist es hilfreich, zwischen Sozialtheorie und Gesellschaftstheorie zu unterscheiden: Die Theorie des Sozialen antwortet auf die Frage, wie Sozialität überhaupt funktioniert, die Theorie der Gesellschaft auf die Frage: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Thema des Arbeits- und Forschungsvorhabens ist die adäquate Theorie der Gesellschaft, die Theorie der gegenwärtigen Gesamtgesellschaft. Der Gesellschaftsbegriff der soziologischen Gegenwartsdiagnostik scheint derzeit in Postmoderne-, Multikultur-, Medien-, Risiko-, Wissens-, Erlebnis-, Verantwortungs-, Konsum- etc.-Gesellschaft zerfasert. Gegenüber diesen "Wimmelbegriffen" der soziologischen Gegenwartsdiagnostik soll geprüft werden, ob und aus welchen Gründen nach wie vor ‚bürgerliche Gesellschaft' das stabile, schlüssige Konzept einer Soziologie der gegenwärtigen Moderne bilden könnte. "Bürgerliche Gesellschaft" als gesellschaftsdiagnostisches Konzept ist dabei nicht deckungsgleich mit praktisch-politischen Konzepten der "Bürgergesellschaft" / "Zivilgesellschaft" oder der ökonomiezentrierten Theorie des Kapitalismus (z.B. dem kapitalismuskritischen Terminus "neo-liberaler Gesellschaft").

Die soziologisch reformulierte Theorie "bürgerlicher Gesellschaft" rekurriert handlungs- und strukturtheoretisch gleichermaßen auf die nicht aufeinander rückführbaren Sozialerfindungen des Privateigentums (Bourgeoisie; commercial society), der Selbstverwaltung (seit der okzidentalen Stadt; Autokephalie, civil society, Rechtsstaat) und des durch Kritik notorisch Krisen und Kreativität auslösenden Bildungsbürgertums (creative class). Mit dem langen Atem einer historischen Soziologie kann dann die Gegenwartsgesellschaft als eine durch und durch "bürgerliche Gesellschaft" diagnostiziert werden. Gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts handelt es sich allerdings um eine neue Gestalt: es ist die bürgerliche Gesellschaft nach ihrer Kontingenz- und Vernichtungserfahrung durch dezidiert nicht-bürgerliche Formationen der Moderne im 20. Jahrhundert: eine Gesellschaftsformation, die die bürgerliche Vergesellschaftung innerhalb der Massengesellschaft mit neuen Medien und Mechanismen sozialer Integration angereichert hat ('verbürgerlichte Massengesellschaft'); zugleich implementiert sie als transnationaler Verbund (Europäische Union, NATO) tendenziell ihre Strukturen und "Sozialfiguren" der Bürgerlichkeit in der Weltgesellschaft (sich verbürgerlichende Weltgesellschaft).
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Neben der Vergegenwärtigung klassischer Konzepte, die bürgerliche Gesellschaft, Bürgertum und Bürgerlichkeit rekonstruieren (Smith, Hegel, Marx, Tocqueville, Weber, Sombart, Simmel u.a.) und der Einarbeitung der historischen Bürgertumsforschung wird die These an Befunden aus der Familien-, Sozialstruktur-, Vermögens-, Bildungs-, Politik-, Medien-, Stadt- und Zivilreligionsforschung erprobt. Die oben aufgeführten partikularen Gesellschaftsbegriffe der Gegenwartsdiagnostik könnten dann als aufmerksamkeits- und ressourcensteuernde Facettendiagnostiken der bürgerlichen Gesellschaft angesichts ihrer Pathologien und Krisen begriffen werden; die Systemtheorie Luhmanns oder die Habitustheorie Bourdieus wären so gesehen avancierte Varianten der "gebildeten" Selbstbeschreibung bürgerlicher Vergesellschaftung. Die Soziologie als Disziplin wäre dann recht verstanden die institutionalisierte Beobachtung der bürgerlichen Gegenwartsgesellschaft, sie fungierte als die auf Dauer gestellte Beobachtungswissenschaft dieser "bürgerlichen Gesellschaft" der Moderne. 


Publikationen

Bürgerliche Gesellschaft. Zur historischen Soziologie der Gegenwartsgesellschaft,
in: Clemens Albrecht (Hg.), Die Bürgerliche Kultur und ihre Avantgarden, Würzburg 2004, S. 97-118.

Warenwerbung und Warentest oder Poetismus und Rationalismus. Komplementäre Sozialmechanismen in der bürgerlichen Massenkultur,
in: K.-U. Hellmann/D. Schrage (Hrsg.), Konsum der Werbung. Zur Produktion und Rezeption von Sinn in der kommerziellen Kultur, Wiesbaden 2004, S. 49-62.

Exzentrische Positionalität. Der Potsdamer Platz aus der Perspektive der Philosophischen Anthropologie,
in: Joachim Fischer/Michael Makropoulos (Hg.), Potsdamer Platz. Soziologische Theorien zu einem Ort der Moderne, München 2004, S. 11-32.

Bourdieu und Luhmann als Theoretiker der "bürgerlichen Gesellschaft",
in: Vorgänge, Nr. 170, 44. Jg., Heft 2 (Juni 2005), S. 53-60.

"Weltgesellschaft" im Medium der "bürgerlichen Gesellschaft",
in: Sociologia Internationalis, 43. Bd. (2005), H. 1/2, S. 59-98.

Bourdieu und Luhmann. Soziologische Doppelbeobachtung der 'bürgerlichen Gesellschaft' nach ihrer Kontingenzerfahrung,
in: Karl Siegbert Rehberg (Hrsg.): Soziale Ungleichheit - Kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München 2004, Frankfurt/New York 2006, CD, S. 2850-2858.

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?
Tagung der Stiftung Schloß Neuhardenberg, 13.06.2007.

Wie bürgerlich ist die Moderne? Bürgerliche Gesellschaft, Bürgertum, Bürgerlichkeit
Gemeinsame Konferenz der Sektionen Soziologische Theorie und Kultursoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie; zus. m. Andreas Reckwitz,
13./14. Juli 2007 an der Universität Konstanz; Tagungsbericht von Daniel Grummt / Peter Hausdorf

Die bürgerliche Alternative. Besprechung von Jörg Magenau, Die taz. Eine Zeitung als Lebensform, in: Die taz, 13.10.2007.

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? In der bürgerlichen!,
in: Aus Politik und Zeitschichte (Thema: Bürger - Bürgertum - Bürgerlichkeit), 9-10/2008, S. 9-16.


Bürgerliche Gesellschaft - Schlüsselbegriff einer soziologischen Theorie nach 1989,
in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, H. 1 (2009), S. 141-155.

Bürger, Weltbürger,
in: Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialtypen der Gegenwart. hg. v. Stephan Moebius und Markus Schroer, Frankfurt a.M. 2010, S. 38-53.

Heinz Bude / Joachim Fischer: Streitgespräch zur Bürgerlichen Gesellschaft,
Hamburger Institut für Sozialforschung, 18. Januar 2010

Workshop 'Bürgerliche Gesellschaft'
Hamburger Institut für Sozialforschung, 19. Januar 2010

Heinz Bude / Joachim Fischer / Bernd Kauffmann (Hg.), Bürgerlichkeit ohne Bürgertum. In welchem Land leben wir?, München 2010.

Wie sich das Bürgertum in Form hält. Über den systematischen Nonkonformismus der modernen bildenden Kunst,
in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, H. 9/10, Jg. 65 (2011) (Sonderheft 'Nonkonformismus'), S. 952-958.

Wie sich das Bürgertum in Form hält. Reihe zu Klampen Essay, hg. v. Anne Hamilton, Springe 2012.

Luhmann und Bourdieu: Polyzentrische Theorien der 'bürgerlichen Gesellschaft' nach ihrer Kontingenzerfahrung,
in: Marc Armstutz / Andreas Fischer-Lescano (Hg.), Kritische Systemtheorie. Zur Evolution einer normativen Theorie, Bielefeld 2013, S. 131-145.

Bürgertum,
in: Max Weber Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, hg. v. Hans Peter Müller / Steffen Sigmund, Stuttgart/Weimar 2014, S. 35-37.

Bürgertum und Bürgerlichkeit. Max Webers Soziologie des Bürgertums im Lichte zeitgenössischer Entwicklungen,
in: Max Weber Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, hg. v. Hans Peter Müller / Steffen Sigmund, Stuttgart/Weimar 2014, S. 389-392.

Hat Dresden Antennen? Die Funktion der Stadt für gesamtgesellschaftliche Debatten seit 1989,
in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, H. 795, 69. Jg., August 2015, S. 16-28.

"Streitet Dresden voran?" Die Avantgarde-Funktion der Stadt für gesamtgesellschaftliche Debatten seit 1989,
in: Karl-Siegbert Rehberg / Franziska Kunz / Tino Schlinzig (Hg.), Pegida - Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und "Wende"-Enttäuschung. Analysen im Überblick, Bielefeld 2016, S. 53-68.