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Joachim Fischer
 
 
             









Der Andere (Altertität, Dyade, Intersubjektivität) und der Dritte (Tertiarität, Triade, Triangulierung): Sozialtheorie / Sozialontologie

Das Forschungsvorhaben (Habilitationsschrift 2007-2009) rekonstruiert die Sozialtheorie / Sozialtontologie als Reflexionsinstanz, in der die Kultur- und Sozialwissenschaften als Wissenschaftsgruppe ihre Autonomie (gegenüber den Natur- und Lebenswissenschaften, der Philosophie und der Theologie) reflektieren - sowohl ontologisch wie epistemologisch. Sozialtheorien als Basis aller Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften lassen Selbst-, Welt- und komplexe Sozialverhältnisse aus der sozialen Beziehung / Interaktion von ego und alter ego hervorgehen. Sie unterstellen ein eigenlogisches Beziehungsgeschehen, das sie je nach dem als "Transsubjektivität" oder "Intersubjektivität" kennzeichnen. Sie rekonstruieren, wie sich im Medium von Blicken und Worten, von Handlungen und Erwartungen, von Gütern und Gaben dyadische Strukturen bzw. "Wechselwirkungen" (Georg Simmel) von Scham, Tausch (Warentausch; Gabentausch), Streit, Kampf, Anerkennung, Dialog, Vertrauen, Kooperation, Erziehung, Freundschaft, Fürsorge oder Liebe bilden. Für die Sozialontologie gründet die komplexe sozio-kulturelle Welt in diesen elementaren Verkehrsverhältnissen. In der Figur des "Anderen" wird seit Wilhelm Dilthey gleichzeitig die epistemologische Charakteristik der Kultur- und Sozialwissenschaften begründet: die spezifische Operation des "Verstehens". Es gibt eine reiche und differenzierte Denktradition der Figur und Funktion des "Anderen" (Hegel, Feuerbach, Dilthey, Husserl, Buber, Mead, Mauss, Sartre, Levinas, Habermas, Honneth, Luhmann (doppelte Kontingenz) u.a.). Michael Theunissen hat diese sozialtheoretische Reflexionsgeschichte in seinem sozialontologischen Standardwerk "Der Andere" (1965) in Grundzügen exemplarisch gruppiert und rekonstruiert.

Ein Paradigmenwechsel in der Sozialtheorie bahnt sich nun durch eine zunehmend systematische Berücksichtigung der Figur des "Dritten" an, weil erst dadurch die Figurationen der Beobachtung, der Übesetzung, der Vermittlung, der Schiedsrichterfunktion, die Konstellationen der Konkurrenz, Rivalität, Intrige, Koalition, Mehrheitsbildung, Delegation, Stellvertretung, Repräsentation, des Boten und des Sündenbocks als weitere elementare Strukturen des Sozialen sichtbar werden. Der Dritte ist kein weiterer Anderer i.S. seiner reinen Wiederholung, sondern bringt sozialontologisch neue Figuren und Funktionen (wie kein Vierter, Fünfter etc.). Durch Synchronisierung von pychoanalytischen Theoremen zur ödipalen Triangulierung, von interaktionistischen, phänomenologischen Ansätzen und von systemtheoretischen Beobachtertheoremen läßt sich ein theoriesystematischer Fundus bilden. Einschlägige Autoren (Freud, Simmel, Sartre, Girard, Serres, Levinas, Berger / Luckmann, Luhmann, Coleman u.a.) zum sozialen Sprung zwischen dyadischen und  triadischen Figurationen können so aufgearbeitet und hinsichtlich der Konstitution sozialer Ordnung und Identität ausgewertet, die Argumente für die Berücksichtigung des Dritten oder der Triade in der Sozialtheorie systematisiert werden. Konstitutiv für Vergesellschaftung ist der "generalisierte Dritte" (statt "generalisierter Anderer") und "dreifache Kontingenz". Die Figuration des Dritten erweist sich als der Schlüssel zwischen Handlungstheorien und Strukturtheorien. Alterität und "Tertiarität" können in ihrer identitäts- und gesellschaftstheoretischen Konsequenz für die Ausdifferenzierung von Recht, Medien, Politik und Marktökonomie rekonstruiert werden - Sphären, deren jeweilige Eigenlogik sozialontologisch nur durch die Figur und Funktion des Dritten (Richter, Bote, Koalition, Konkurrenz) erschließbar ist. Gleichzeitig kann durch die Position des Dritten sozialepistemologisch die Operation des "Beobachtens" (einer Wechselwirkung oder Interaktion) neben der Operation des "Verstehens" (des Anderen) als charakteristische Methode der Wissenschaftsgruppe der Sozial- und Kulturwissenschaften begründet werden.

Vorträge und Publikationen

Der Andere und der Dritte. Zur Sozialanthropologie im 20. Jahrhundert,
Vortrag Frankreich-Zentrum der Universität Freiburg, Kolloquium "Historische Diskurse in der Anthropologie und Ethnologie", 13./14. Februar 1998.

Die Funktionen des Dritten bei der Konstitution von Ich und Anderem,
Vortrag Zweite Jahrestagung des SFB 541 Universität Freiburg i. Br., "Identität und Alterität in Theorie und Methode", 16. Februar 1999.

Figuren und Funktionen der Tertiarität. Zur Anthropologie der Medien,
Vortrag "Massenmedien und Alterität", Workshop SFB 541 Universität Freiburg i.Br., 2. Juli 1999.

Der Andere und der Dritte. Zur Anthropologie der Medien,
Vortrag Kommunikationswissenschaftliches Kolloquium Universität Essen, 18.Januar 2000.

Der Dritte. Zur Anthropologie der Intersubjektivität,
in: Wolfgang Eßbach (Hrsg.), wir/ ihr/sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode, Würzburg 2000, S. 103-136.

Figuren und Funktionen der Tertiarität. Zur Sozialtheorie der Medien,
in: Joachim Michae l/ Markus Klaus Schäffauer (Hrsg.), Massenmedien und Alterität, Frankfurt a.M. 2004, S. 78-86.

"Der Dritte". Plädoyer für eine Theorieinnovation in der Sozialtheorie.
Joachim Fischer / Gesa Lindemann (Organisation): Ad-hoc-Gruppe auf dem 32. DGS-Kongress, München 2004 (4./8. 10. 2004).

The Other and the Third. A Systematic Consideration of an Innovation in Social Theory,
Configurations of the Third 1800 to present. Third Agents and Missing Links of Modernity. International Conference at St. John's College, Cambridge/UK. 29 - 31 August, 2005.

Der Dritte/Tertiarität. Zu einer Theorieinnovation in den Kultur- und Sozialwissenschaften,
in: Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München. Teilbd. 1 u. 2, hg. v. Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt a.M. 2006, S. 3715-3735.


Der Dritte / Tertiarität. Zu einer Theorieinnovation in den Kultur- und Sozialwissenschaften,
in: Hans-Peter Krüger / Gesa Lindemann (Hg.), Philosophische Anthropologie im 21. Jahrhundert, Berlin 2006, S. 146-163.

Das Medium ist der Bote. Zur Soziologie der Massenmedien aus der Sicht einer Sozialtheorie des Dritten,
in: Andreas Ziemann (Hg.), Medien der Gesellschaft - Gesellschaft der Medien, Konstanz 2006, S. 21-42.

Der Dritte. Zum Paradigmenwechsel in der Sozialtheorie (Doppelbesprechung v. Thomas Bedorf u. Dietmar Wetzel),
in: Soziologische Revue, H. 4/2006, S. 435-441.

Tertiarität. Die Sozialtheorie des "Dritten" als Grundlegung der Kultur- und Sozialwissenschaften,
in: Jürgen Raab / Michaela Pfadenhauer / Peter Stegmaier / Jochen Dreher / Bernt Schnettler (Hg.), Phänomenologie und Soziologie. Theoretische Positionen, aktuelle Problemfelder und empirische Umsetzungen, Wiesbaden 2008, S. 121-130.


Der Andere und der Dritte. Zur Grundlegung der Sozialtheorie (unveröffentl. Habilitationschrift 2009, 210 S.).

Der lachende Dritte. Schlüsselfigur der Soziologie Simmels,
in: Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, hg. v. Eva Eßlinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons, Frankfurt a.M. 2010, S. 193-207.


Thomas Bedorf / Joachim Fischer / Gesa Lindemann (Hg.), Theorien des Dritten. Innovationen in der Soziologie und Sozialphilosophie, München 2010.

Tertiarität / Der Dritte. Soziologie als Schlüsseldisziplin,
in: Thomas Bedorf / Joachim Fischer / Gesa Lindemann (Hg.), Theorien des Dritten. Innovationen in Soziologie und Sozialphilosophie, München 2010, S. 131-160.

Turn to the Third. A Systematic Consideration of an Innovation in Social Theory,
in: Bernhard Malkmus / Ian Cooper (Eds), Dialectic and Paradox: Configurations of the Third in Modernity, Oxford  2013, pp. 81-102.

Dritte oder Tertiarität in Liebesdyaden. Zur Sozialtheorie dreifacher Kontingenz,
in: Takemitsu Morikawa (Hg.): Die Welt der Liebe. Liebessemantiken zwischen Globalität und Lokalität, Bielefeld 2014, 59-76.

Die Triade. Gründungsszene der Simmelschen Soziologie,
in: Sina Farzin / Henning Laux (Hg.), Gründungsszenen soziologischer Theorie, Wiesbaden 2014, S. 55-66.

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