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Kultursoziologie
Kultursoziologie
wird verstanden als Schlüsseldisziplin der Kultur- und
Sozialwissenschaften. Dieses Arbeits- und Forschungsvorhaben betreibt dabei Kultursoziologie sowohl in Richtung der
klassischen und
neo-klassischen Kultur- und Wissenssoziologie (Scheler, Mannheim,
Horkheimer,
Plessner, Luhmann) wie in der Richtung des kulturwissenschaftlichen
Paradigmas
(phänomenologische Soziologie, Strukturalismus,
Poststrukturalismus, Cultural Studies und "Studies" insgesamt). Entscheidend ist die Doppelperspektive: verfolgt wird eine Kulturologie des Sozialen
(symbolische Erzeugung und kulturelle Vermitteltheit sozialer
Differenzierungen, cultural turns), ohne die ältere Perspektive
einer Soziologie der
Kultur
i.S. einer "Relationierung" von Kultur und Kulturkonflikten auf
"soziale Standorte", von "Semantik" auf soziale
Strukturen und (z.B. stratifikatorische, generationelle und
funktionale) Differenzen preiszugeben. Die
historisch-soziologisch reflektierte Begrifflichkeit der
Kultursoziologie erlaubt die Analytik von
Gegenwartsgesellschaften, die entlang verschiedenster – nicht
aufeinander
rückführbarer - sozialer Differenzierungen
(Klassen, Generationen, Geschlechter, Ethnien, Regionen, funktionale
Teilsysteme) um ihre symbolische Repräsentanz und Integration ringen.
Dieser Schwerpunkt wird in der Lehre mit Veranstaltungen
zur Religionssoziologie, zur Kunstsoziologie, zur Artefakt- und
Architektursoziologie, zur "Semiotik
und Soziologie“, zur Wissenssoziologie und
Wissenschaftssoziologie entfaltet.
Spezifisches Forschungsvorhaben ist das Verhältnis von sozio-kultureller Konstruktion und Expressivität, von symbolischer Setzung und Verkörperung, von Arbitrarität und Motivertheit der semiotischen Vermitteltheit moderner Gesellschaften. Vorausgesetzt
ist, dass menschliche Lebewesen als grenzrealisierende Lebewesen, die
von Natur aus "nicht festgestellt" und zugleich für sich und voreinander "unergründlich"
sind, grundsätzlich auf "Kultur" angewiesen sind. Durch
Kultur stabilisieren sich diese Lebewesen in ihrer Physis voreinander und werden sich
zugleich partiell in der sinnlichen Erscheinungsweise füreinander durchsichtig.
Damit
ist Kultur immer durch einen Doppelaspekt bestimmt: durch die "natürliche
Künstlichkeit" bzw. Konstruktion einerseits, die als sinnlich-sinnhafte
Grenzziehung der Stabilisierung dient, und durch die "vermittelte
Unmittelbarkeit" bzw. Expressivität andererseits,
in der sich die "unergründlichen" Lebewesen in der
sinnlich-sinnhaften Grenzziehung medial voreinander zur "Erscheinung",
"vermittelt" zum Ausdruck bringen. Besonders geeignet zur Analyse der
Kultur sind deshalb Kulturtheorien, die a) Kultur als eine Verknüpfung
von Sinnlichkeit und Sinn (Ästhesiologie und Semiotik der Kultur)
rekonstruieren und die b) Kultur nicht auf Sprachlichkeit reduzieren,
sondern von Beginn an nichtssprachliche Medien im Zentrum der Kultur
veranschlagen.
Die Kulturtheorien z.B. von Ernst Cassirer, Max Scheler und Helmut
Plessner zeichnen sich dadurch aus, dass sie a) systematisch
Leiblichkeit und Sinn aufeinander beziehen, Kultur als
"Verkörperung" von Sinn analyisieren und b) deshalb systematisch
neben der Sprache weitere "Medien" der Kultur rekonstruieren
können, die in je eigener Logik Konstruktion und
Expressivität verschränken (Eigenlogik der Medien: des
Bildes, des Mythos, der Musik, des Tanzes, der Mathematik, der Sprache,
der Mystik, der Architektur, der Artefakte/Technik etc.).
Kultursoziologie - z.B. als Wissens-, Religions-, Kunst-, Sprach- und
Artefaktsoziologie - untersucht, wie Gesellschaften in neu
erfundenen und wieder gefundenen Ausdrucksformen ihre Kontur entdecken,
in Bilderstreiten, Architektur- und Mediendebatten vor sich
erschrecken, ihre Schichtungs-, Generationen-, Geschlechter-,
Regionaldifferenzen und funktional
differenzierten Teilsysteme durch "Verkörperung" stabilisieren und
umformen. Dieses in immer veränderten gesellschaftlichen
Konstellationen je neu einsetzende Ausdrucksgeschehen ist der
unerschöpfliche Fokus der Kultursoziologie.
Publikationen und Veranstaltungen
Seit 1998 Mitglied, seit 2005 im Vorstand der Sektion "Kultursoziologie" in der Deutschen Geseellschaft für Soziologie
Sektions-Tagungen veranstaltet im Rahmen der DGS-Kultursoziologie:
- "Soziologie und Anthropologie der Sinne" (zus. m. Jens Loenhoff),
Göttingen 1999
- "Potsdamer Platz. Theoretische Perspektiven zur Kultursoziologie
eines Ortes der Moderne"(zus. m. Michael
Makropoulos),
Berlin
2001
- "Vergleich der Theorienvergleiche in der Soziologie (zus. m. Sektion
Soziologische Theorie, Rainer
Greshoff), Dresden 2005
- "Wie viel (menschliche) Natur braucht die
Soziologie?" (zus. m.
Sektion Soziologische Theorie, Uwe Schimank),
Kassel 2006
- "Wie bürgerlich ist die Moderne? Bürgerliche Gesellschaft, Bürgertum
und Bürgerlichkeit" (zus.
m. Andreas
Reckwitz), Konstanz 2007
- "Die Architektur der Gesellschaft. Architektur der Moderne im Blick
soziologischer Theorien" (zus. m. Heike Delitz
u. Hans Georg
Lippert), Dresden 2007
- "Brauchen wir einen qualitativen Kulturbegriff? Qualtitätskriterien
aus soziologischer Sicht" (zus. m. Dominik
Schrage), Jena 2008
"Soziologie und
Anthropologie der Sinne",
Tagung der Sektion Kultursoziologie, Soziologisches Seminar,'
Universität Göttingen, konzip. u. org. zus. m. Jens
Loenhoff, 11.-12. Juni 1999.
Simmels ‚Exkurs über die Soziologie
der Sinne. Zentraltext einer anthropologischen Soziologie,
in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Themenheft:
Soziologie der Sinne, 27. Jg., H. 2 2002, S. 6-13.
Von
1999-2008 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie
zugehörig zur Grundausstattung des Dresdner Sonderforschungsbereichs
537: "Institutionalität und Geschichtlichkeit"
Joachim Fischer / Hans Joas, Kunst,
Macht und Institution. Studien zur Philosophischen Anthropologie,
soziologischen Theorie und Kultursoziologie der Moderne. Festschrift für
Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt a. M. 2003.
Der Potsdamer Platz als
gesellschaftsdiagnostisches Artefakt, in: Ästhetik und Kommunikation,
H. 116, 33. Jg., Frühjahr 2002, S. 84-119.
[Der Potsdamer Platz aus den Perspektiven der Systemtheorie (Andreas
Ziemann), Philosophischen Anthropologie (Joachim
Fischer), Kritischen Theorie (Christine Resch / Heinz Steinert),
der Cultural Studies (Udo Göttlich / Rainer Winter) und
der Diskursanalyse und Semiologie (Michael Makropoulos)]
Jahrestagung DGS-Sektion "Kultursoziologie",
Berlin 2002, zus. m. Michael Makropoulos:
Potsdamer
Platz. Theoretische Perspektiven zur Kultursoziologie eines Ortes der
Moderne.
The 'man without qualities' (Musil), the 'relatively
unattached intellectual' (Mannheim) and the 'eccentric positionality'
of man (Plessner). The historic coincidence of three fomula of human
existence,
International Conference on 'Culture, Literature and Humanity in the
Context of Globalization' (org. by Cao Weidong), Beijing Normal
University, 04-08.08.2000.
The Historic Coincidence
of Three Formula of Human Existence: 'The man without qualities' (Musil),
the 'relatively unattached intellectual (Mannheim) and the 'eccentric
positionality' (Plessner),
in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Beijing Normal University
Verlag, Bd. 2, 2001 (chines. Übers. Cao Weidong)
"Mann ohne Eigenschaften", "sozial
relativ freischwebender Intellektueller", "exzentrische Positionalität".
Musil, Mannheim, Plessner,
in: Ulrich Bröckling / Axel T. Paul / Stefan Kaufmann (Hg.): Vernunft
- Entwicklung - Leben. Schlüsselbegriffe der Moderne. Festschrift
für Wolfgang Eßbach, München 2004, S. 291-303.
"Bilderstreit. Die Debatte um die Kunst aus der DDR"
Tagung Stiftung Schloß Neuhardenberg, 01.-03.08.2003
Joachim Fischer / Dana Giesecke: Distinktionskunst
und Inklusionskunst. Zur Soziologie der Kunstkommunikation der Bundesrepublik
und der DDR,
in: Lutz Hieber / Stephan Moebius / Karl-Siegbert Rehberg
(Hg.), Kunst im Kulturkampf. Zur Kritik der deutschen Museumskultur, Bielefeld
2005, S. 86-114.
Neue Theorie des Geistes (Scheler, Cassirer,
Plessner),
in: Ralf Becker / Christian Bermes / Heinz Leonardy
(Hg.), Die Bildung der Gesellschaft. Schelers Sozialphilosophie im Kontext,
Würzburg 2006, S. 166-181.
Ästhetische Anthropologie und anthropologische
Ästhetik. Plessners 'Kunst der Extreme' im 20. Jahrhundert,
in: Josef Früchtl / Maria Moog-Grünewald, Ästhetik in metaphysikkritischen
Zeiten. 100 Jahre 'Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft'.
Sh. 8 der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft,
Hamburg 2007, S. 241-267.
Der Ort des Menschen im Kosmos. Zur Philosophie der Weltraumfahrt,
in: der blaue reiter. Journal für Philosophie, 23 (1/2007), S. 54-60.
Joachim
Fischer / Uwe Schimank: Wie viel (menschliche) Natur braucht die
Soziologie? Einleitung [zum gleichnamigen Plenum, Kooperation der
Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie],
in: Die
Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen
Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, Teil 2, hrsg. v.
Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt/New York 2008, S. 1139-1142.
Soziologie des Lebens,
Ad-hoc-Gruppe, org. v. Joachim Fischer / Gesa Lindemann / Stephan
Moebius auf dem 33. DGS-Kongress: Die Natur der Gesellschaft,
09.-13.10.2006, Universität Kassel.
"Neue Aufgaben der Kultursoziologie"
Podiumsdiskussion der DGS-Sektion "Kultursoziologie" zus. m. der
René König Gesellschaft, mit Clemens Albrecht, Joachim
Fischer, Udo Göttlich, Karl-Siegbert Rehberg, Johannes Weiß,
33. DGS-Kongress, Universität Kassel, 13.10.2006.
"Brauchen wir einen qualitativen Kulturbegriff? Qualtitätskriterien aus soziologischer Sicht"
Veranstaltung der DGS-Sektion "Kultursoziologie", konz. u. org. v.
Joachim Fischer u. Dominik Schrage, 34. DGS-Kongress, Universität
Jena, 7.10.2008.
"Wieviel Kultursoziologie brauchen die Geisteswissenschaften?"
Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), School of History, Universität Freiburg i.Br., 5./6.02.2010.
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