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Joachim Fischer
 
 
             








Kultursoziologie

Kultursoziologie wird verstanden als Schlüsseldisziplin der Kultur- und Sozialwissenschaften. Dieses Arbeits- und Forschungsvorhaben betreibt dabei Kultursoziologie sowohl in Richtung der klassischen und neo-klassischen Kultur- und Wissenssoziologie (Scheler, Mannheim, Horkheimer, Plessner, Luhmann) wie in der Richtung des kulturwissenschaftlichen Paradigmas (phänomenologische Soziologie, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Cultural Studies und "Studies" insgesamt). Entscheidend ist die Doppelperspektive: verfolgt wird eine Kulturologie des Sozialen (symbolische Erzeugung und kulturelle Vermitteltheit sozialer Differenzierungen, cultural turns), ohne die ältere Perspektive einer Soziologie der Kultur i.S. einer "Relationierung" von Kultur und Kulturkonflikten auf "soziale Standorte", von "Semantik" auf soziale Strukturen und (z.B. stratifikatorische, generationelle und funktionale) Differenzen preiszugeben. Die historisch-soziologisch reflektierte Begrifflichkeit der Kultursoziologie erlaubt die Analytik von Gegenwartsgesellschaften, die entlang verschiedenster – nicht aufeinander rückführbarer -  sozialer Differenzierungen (Klassen, Generationen, Geschlechter, Ethnien, Regionen, funktionale Teilsysteme) um ihre symbolische Repräsentanz und Integration ringen. Dieser Schwerpunkt wird in der Lehre mit Veranstaltungen zur Religionssoziologie, zur Kunstsoziologie, zur Artefakt- und Architektursoziologie, zur "Semiotik und Soziologie“, zur Wissenssoziologie und Wissenschaftssoziologie entfaltet.

Spezifisches Forschungsvorhaben ist das Verhältnis von sozio-kultureller Konstruktion und Expressivität, von symbolischer Setzung und Verkörperung, von Arbitrarität und Motivertheit der semiotischen Vermitteltheit moderner Gesellschaften. Vorausgesetzt ist, dass menschliche Lebewesen als grenzrealisierende Lebewesen, die von Natur aus "nicht festgestellt" und zugleich für sich und voreinander "unergründlich" sind, grundsätzlich auf "Kultur" angewiesen sind. Durch Kultur stabilisieren sich diese Lebewesen in ihrer Physis voreinander und werden sich zugleich partiell in der sinnlichen Erscheinungsweise füreinander durchsichtig.

Damit ist Kultur immer durch einen Doppelaspekt bestimmt: durch die "natürliche Künstlichkeit" bzw. Konstruktion einerseits, die als sinnlich-sinnhafte Grenzziehung der Stabilisierung dient, und durch die "vermittelte Unmittelbarkeit" bzw. Expressivität andererseits, in der sich die "unergründlichen" Lebewesen in der sinnlich-sinnhaften Grenzziehung medial voreinander zur "Erscheinung", "vermittelt" zum Ausdruck bringen. Besonders geeignet zur Analyse der Kultur sind deshalb Kulturtheorien, die a) Kultur als eine Verknüpfung von Sinnlichkeit und Sinn (Ästhesiologie und Semiotik der Kultur) rekonstruieren und die b) Kultur nicht auf Sprachlichkeit reduzieren, sondern von Beginn an nichtssprachliche Medien im Zentrum der Kultur veranschlagen. Die Kulturtheorien z.B. von Ernst Cassirer, Max Scheler und Helmut Plessner zeichnen sich dadurch aus, dass sie a) systematisch Leiblichkeit und Sinn aufeinander beziehen, Kultur als "Verkörperung" von Sinn analyisieren und b) deshalb systematisch neben der Sprache weitere "Medien" der Kultur rekonstruieren können, die in je eigener Logik Konstruktion und Expressivität verschränken (Eigenlogik der Medien: des Bildes, des Mythos, der Musik, des Tanzes, der Mathematik, der Sprache, der Mystik, der Architektur, der Artefakte/Technik etc.).

Kultursoziologie - z.B. als Wissens-, Religions-, Kunst-, Sprach- und Artefaktsoziologie - untersucht, wie Gesellschaften in neu erfundenen und wieder gefundenen Ausdrucksformen ihre Kontur entdecken, in Bilderstreiten, Architektur- und Mediendebatten vor sich erschrecken, ihre Schichtungs-, Generationen-, Geschlechter-, Regionaldifferenzen und funktional differenzierten Teilsysteme durch "Verkörperung" stabilisieren und umformen. Dieses in immer veränderten gesellschaftlichen Konstellationen je neu einsetzende Ausdrucksgeschehen ist der unerschöpfliche Fokus der Kultursoziologie. 


Publikationen und Veranstaltungen

Seit 1998 Mitglied, seit 2005 im Vorstand der Sektion "Kultursoziologie" in der Deutschen Geseellschaft für Soziologie
    Sektions-Tagungen veranstaltet im Rahmen der DGS-Kultursoziologie:
        - "Soziologie und Anthropologie der Sinne" (zus. m. Jens Loenhoff),
                Göttingen 1999
        - "Potsdamer Platz. Theoretische Perspektiven zur Kultursoziologie
                eines Ortes der Moderne"(zus. m. Michael Makropoulos), Berlin
                2001
        - "Vergleich der Theorienvergleiche in der Soziologie (zus. m. Sektion  
                Soziologische Theorie, Rainer Greshoff), Dresden 2005
        - "
Wie viel (menschliche) Natur braucht die Soziologie?" (zus. m.
                Sektion Soziologische Theorie, Uwe Schimank), Kassel 2006

        - "Wie bürgerlich ist die Moderne? Bürgerliche Gesellschaft, Bürgertum
                und Bürgerlichkeit" (zus. m. Andreas Reckwitz), Konstanz 2007
        - "Die Architektur der Gesellschaft. Architektur der Moderne im Blick
                soziologischer Theorien" (zus. m. Heike Delitz u. Hans Georg
                Lippert), Dresden 2007

        - 
"Brauchen wir einen qualitativen Kulturbegriff? Qualtitätskriterien
                aus soziologischer Sicht" (zus. m. Dominik Schrage), Jena 2008


"Soziologie und Anthropologie der Sinne",
Tagung der Sektion Kultursoziologie, Soziologisches Seminar,' Universität Göttingen, konzip. u. org. zus. m. Jens Loenhoff, 11.-12. Juni 1999.

Simmels ‚Exkurs über die Soziologie der Sinne. Zentraltext einer anthropologischen Soziologie,
in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Themenheft: Soziologie der Sinne, 27. Jg., H. 2 2002, S. 6-13.

Von 1999-2008 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie zugehörig zur Grundausstattung des Dresdner Sonderforschungsbereichs 537: "Institutionalität und Geschichtlichkeit"

Joachim Fischer / Hans Joas, Kunst, Macht und Institution. Studien zur Philosophischen Anthropologie, soziologischen Theorie und Kultursoziologie der Moderne. Festschrift für Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt a. M. 2003.

Der Potsdamer Platz als gesellschaftsdiagnostisches Artefakt, in: Ästhetik und Kommunikation, H. 116, 33. Jg., Frühjahr 2002, S. 84-119.
[Der Potsdamer Platz aus den Perspektiven der Systemtheorie (Andreas Ziemann), Philosophischen Anthropologie (Joachim Fischer), Kritischen Theorie (Christine Resch / Heinz Steinert), der Cultural Studies (Udo Göttlich / Rainer Winter) und der Diskursanalyse und Semiologie (Michael Makropoulos)]

Jahrestagung DGS-Sektion "Kultursoziologie", Berlin 2002, zus. m. Michael Makropoulos:
Potsdamer Platz. Theoretische Perspektiven zur Kultursoziologie eines Ortes der Moderne.

The 'man without qualities' (Musil), the 'relatively unattached intellectual' (Mannheim) and the 'eccentric positionality' of man (Plessner). The historic coincidence of three fomula of human existence,
International Conference on 'Culture, Literature and Humanity in the Context of Globalization' (org. by Cao Weidong), Beijing Normal University, 04-08.08.2000.

The Historic Coincidence of Three Formula of Human Existence: 'The man without qualities' (Musil), the 'relatively unattached intellectual (Mannheim) and the 'eccentric positionality' (Plessner),
in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Beijing Normal University Verlag, Bd. 2, 2001 (chines. Übers. Cao Weidong)

"Mann ohne Eigenschaften", "sozial relativ freischwebender Intellektueller", "exzentrische Positionalität". Musil, Mannheim, Plessner,
in: Ulrich Bröckling / Axel T. Paul / Stefan Kaufmann (Hg.): Vernunft - Entwicklung - Leben. Schlüsselbegriffe der Moderne. Festschrift für Wolfgang Eßbach, München 2004, S. 291-303.

"Bilderstreit. Die Debatte um die Kunst aus der DDR"
Tagung Stiftung Schloß Neuhardenberg, 01.-03.08.2003

Joachim Fischer / Dana Giesecke: Distinktionskunst und Inklusionskunst. Zur Soziologie der Kunstkommunikation der Bundesrepublik und der DDR,
in: Lutz Hieber / Stephan Moebius / Karl-Siegbert Rehberg (Hg.), Kunst im Kulturkampf. Zur Kritik der deutschen Museumskultur, Bielefeld 2005, S. 86-114.

Neue Theorie des Geistes (Scheler, Cassirer, Plessner),
in: Ralf Becker / Christian Bermes / Heinz Leonardy (Hg.), Die Bildung der Gesellschaft. Schelers Sozialphilosophie im Kontext, Würzburg 2006, S. 166-181.

Ästhetische Anthropologie und anthropologische Ästhetik. Plessners 'Kunst der Extreme' im 20. Jahrhundert,
in: Josef Früchtl / Maria Moog-Grünewald, Ästhetik in metaphysikkritischen Zeiten. 100 Jahre 'Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft'. Sh. 8 der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, Hamburg 2007, S. 241-267.

Der Ort des Menschen im Kosmos. Zur Philosophie der Weltraumfahrt,
in: der blaue reiter. Journal für Philosophie, 23 (1/2007), S. 54-60.

Joachim Fischer / Uwe Schimank: Wie viel (menschliche) Natur braucht die Soziologie? Einleitung [zum gleichnamigen Plenum, Kooperation der Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie],
in: Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, Teil 2, hrsg. v. Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt/New York 2008, S. 1139-1142.

Soziologie des Lebens,
Ad-hoc-Gruppe, org. v. Joachim Fischer / Gesa Lindemann / Stephan Moebius auf dem 33. DGS-Kongress:  Die Natur der Gesellschaft, 09.-13.10.2006, Universität Kassel.

"Neue Aufgaben der Kultursoziologie"
Podiumsdiskussion der DGS-Sektion "Kultursoziologie" zus. m. der René König Gesellschaft, mit Clemens Albrecht, Joachim Fischer, Udo Göttlich, Karl-Siegbert Rehberg, Johannes Weiß, 33. DGS-Kongress, Universität Kassel, 13.10.2006.

"Brauchen wir einen qualitativen Kulturbegriff? Qualtitätskriterien aus soziologischer Sicht"
Veranstaltung der DGS-Sektion "Kultursoziologie", konz. u. org. v. Joachim Fischer u. Dominik Schrage, 34. DGS-Kongress, Universität Jena, 7.10.2008.

"Wieviel Kultursoziologie brauchen die Geisteswissenschaften?"
Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), School of History, Universität Freiburg i.Br., 5./6.02.2010.

Was leistet die Kultursoziologie eigentlich für die Qualität der Kultur?,
in: Sociologia Internationalis, 47. Bd. (2009), S. 57-67.

Interphänomenalität. Zur Anthropo-Soziologie des Designs,
Stephan Moebius / Sophia Prinz (Hg.): Das Design der Gesellschaft. Zur Kultursoziologie des Designs, Bielefeld 2012, S. 91-108.

Kultursoziologie im 21. Jahrhundert
TU Dresden, Institut für Soziologie, 20.-22.06.2013, veranstaltet von Joachim Fischer (Dresden) und Stephan Moebius (Graz): Programm


Joachim Fischer / Stephan Moebius (Hg.), Kultursoziologie im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2014.

Ästhetisierung der Gesellschaft statt Ökonomisierung der Gesellschaft. Kunstsoziologie als Schlüsseldisziplin der Gegenwartsanalytik,
in: Kunst und Öffentlichkeit, hg. v. Dagmar Danko, Olivier Moeschler, Florian Schumacher, Wiesbaden 2014, 21-32.

Das Imaginäre, Kreative, Schöpferische. Ein Zentraltopos der Philosophischen Anthropologie,
in: Jörn Bohr / Matthias Wunsch (Hg.), Kulturanthropologie als Philosophie des Schöpferischen. Michael Landmann im Kontext, Nordhausen 2015, S. 17-34.

Simmels Sinn der Sinne. Zum vital turn der Soziologie,
in: Hanna Göbel / Sophia Prinz (Hg.), Die Sinnlichkeit des Sozialen. Wahrnehmung und materielle Kultur, Bielefeld 2015, S. 423-440.

Sinn der Sinne. Ästhesiologie und Soziologie bei Simmel und Plessner,
in: Robert Hettlage / Alfred Bellebaum (Hg.), Alltagsmoralen. Die kulturelle Beeinflussung der Sinne, Wiesbaden 2015, S. 237-250.

Interphänomenalität,
Sprache und Literatur, 45. Jg., 2014, 1. Hj., Heft 113 (erschienen 2016), Themenheft: Oberflächen, S. 3-18.