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Dr. habil. Joachim Fischer
 
 
             














Vergleich der Theorienvergleiche in der deutschen Soziologie
DGS Sektion "Soziologische Theorie"

17./18.6.2005
TU Dresden, Institut für Soziologie, Lehrstuhl für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie
Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg
HSZ (Hörsaalzentrum), Bergstr. 64, E 01

Idee: Joachim Fischer (Dresden) und Rainer Greshoff (Hagen)

Seit sich die Sektion ‚Soziologische Theorie' aus dem Impuls und Problem des Theorienvergleichs vor 30 Jahren konstituiert hat, haben sich nicht nur die zum Vergleich anstehenden Theoriepositionen entfaltet (und verschoben), sondern es haben sich auch verschiedene Formen des Theorienvergleichs entwickelt - die man nun einmal vergleichend beobachten könnte. Die multiparadigmatische Situation der Sozialwissenschaften war damals gekennzeichnet durch Kritische Theorie, Marxistischer Ansatz, Systemtheorie, Verhaltens-/Rational Choice-Theorie und Symbolischer Interaktionimus und ist seitdem noch komplexer geworden (z.B. durch poststrukturalistische oder kulturalistische Theorien), aber die multiparadigmatische Konstellation selbst hat sich nicht verändert. Kompliziert, aber auch spannend wird die Situation zusätzlich dadurch, dass sich nun eine Kultur des Theorienvergleichs eingespielt hat, mit allerdings faktisch verschiedenen Formen oder Modi des Theorienvergleichs: Neben dem Theorienvergleich als Elimination von Theorien (durch Kritik) arbeitet der Theorienvergleich in einem Approximationsmodell (Schmid), neben der Form der Theorienvergleichs durch Theorienintegration (Habermas, Esser) die Form des genauen grundbegrifflichen Vergleichs von Theorien (Greshoff) und der Vorschlag des ‚Theorienvergleichs an einem Fall' (Fischer/Makropoulos: verschiedene Theorien analysieren einen Ort der Moderne - Potsdamer Platz).

Ziel der Tagung ist, diese doppelt komplexe Situation des Theorienvergleichs (verschiedene Theoriepositionen, verschiedene Theorienvergleiche) zu reflektieren und ihre Auflösbarkeit oder Handhabbarkeit in der Soziologie zu diskutieren.

PROGRAMM
Freitag, 17.6.2005

Karl-Siegbert Rehberg (Dresden), Uwe Schimank (Hagen) : Begrüßung
Joachim Fischer (Dresden): Einführung in die Thematik

Michael Schmid (München): Theoretische Modelle und Erklärung. Einige Grundprobleme des soziologischen Theorievergleichs
Kommentator: Rainer Greshoff (Hagen)

Georg Kneer (Schwäbisch-Gmünd): Theorienvergleich als Reflexionsinstrument des Wissenschaftssystems
Kommentatorin: Sina Farzin (Bochum)

Joachim Fischer (Dresden): "Potsdamer Platz". Theorienvergleich an einem Fall
Kommentatorin: Gesa Lindemann (Berlin)

Urs Stäheli (Basel): Parasitäre Lektürestrategien - Zur (Un-)Möglichkeit von Theorievergleichen
Kommentator: Andreas Ziemann (Weimar)

PODIUMSDISKUSSION: "VERGLEICH DER THEORIENVERGLEICHE IN DER DEUTSCHEN SOZIOLOGIE 1974 - 2005"
Hartmut Esser (Mannheim), Jost Halfmann (Dresden), Karl-Siegbert Rehberg (Dresden), Uwe Schimank (Hagen), Constans Seyfarth (Tübingen)
Moderation: Joachim Fischer (Dresden), Rainer Greshoff (Hagen)

Wolfgang L. Schneider (Freiburg i.Br.): Hermeneutischer Theorienvergleich
Kommentator: Thomas Kron (Hagen)

Rainer Greshoff (Hagen): Theorienvergleich als Grund-Verhältnisklärung. Ein Vorschlag zur vergleichenden Bestandsaufnahme theoretischer Vielfalt
Kommentatorin: Thomas Schmid (München)

Annette Treibel (Karlsruhe): Theorienvergleiche im Spannungsfeld von Fachdiskursen und Lehrpraxis
Kommentator: Uwe Schimank (Hagen)

Roman Langer (Hamburg): Theorien auf Gemeinsamkeiten analysieren. Arbeitsschritte zur Konstruktion integrativer Theorien und Darstellung ihres Erklärungsnutzens
Kommentatorin: Andrea Maurer (München)

Wolfgang Knöbl (Göttingen): Zur Problematik eines historisch-kontextualisierenden Theorievergleichs
Kommentator: Margit Weihrich (München)

16.00 Schlusswort: Rainer Greshoff (Hagen)

 Bericht zur Tagung "Vergleich der Theorienvergleiche in der deutschen Soziologie" vom 17.6.05-18.6.06 in Dresden
Andrea Hamp (Hagen)

Ein Jahr vor dem 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel veranstal-tete die Sektion 'Soziologische Theorien' ihre Frühjahrstagung 2005 zum Thema "Vergleich der Theorienvergleiche in der deutschen Soziologie". Die Vertreter und Vertreterinnen der Sektion knüpften damit in Vorschau auf Kassel 2006 und zugleich rückblickend auf Kassel - nämlich auf den 17. Deutschen Soziologentag im Jahr 1974 - an das Thema 'Theorienvergleich' an, das dort erstmals explizit im Zentrum der Diskussion stand. Im Bewusstsein dieser Traditionslinie begrüßten der Vorsitzende der DGS, Karl-Siegbert Rehberg (Dresden), und der Sektionssprecher, Uwe Schimank (Hagen), die Teilnehmer der Tagung und wiesen auf die große Bedeutung jenes 17. Soziologentages und der damaligen Debatte hin, aus der die heutige Sektion 'Soziologische Theorien' hervorgegangen war.

Die Tagung fand vom 17.6.05 bis zum 18.6.05 am Institut für Soziologie der TU Dresden statt. Es waren ca. 60 Teilnehmer und Teilnehmerinnen anwesend. Initiiert, organisiert und durchgeführt wurde die Tagung von Joachim Fischer (Dresden) sowie Rainer Greshoff (Ha-gen). Die Organisatoren entwarfen durch die Einladung von Referenten aus verschiedensten Theorie-Lagern und ihnen jeweils kontrovers zugeordneten Kommentatoren ein spannendes Tagungskonzept. Eine gut strukturierte und interessant besetzte abendliche Podiumsdiskussi-on lockte erfreulicherweise auch viele interessierte Soziologiestudierende der TU Dresden an.

Ein einfaches Thema hatten sich die Initiatoren und Tagungsteilnehmer mit dem "Vergleich der Theorienvergleiche in der deutschen Soziologie" indes nicht vorgenommen. Joachim Fi-scher brachte zu Beginn die Schwierigkeiten in einem kurzen Problemaufriss auf den Punkt: Nicht nur sei die multiparadigmatische Situation der soziologischen Theorienlandschaft seit der von Karl O. Hondrich inaugurierten Vergleichsdebatte der 1970er Jahre komplexer ge-worden, zusätzlich hätten sich im Laufe des impliziten Selbstverständigungsprozesses der paradigmeninternen Theorieentwicklung verschiedene Formen des Theorienvergleichs entwi-ckelt, so dass man nun vor einer "doppelt komplexen" Lage stehe, über die es sich nochmals reflexiv zu beugen gelte. Zweck dieser Reflexion könnte eine Verständigung darüber sein, wie mit den verschiedenen Varianten des Theorienvergleichs umzugehen ist, ob sich z.B. Konturen ihrer wechselseitigen Komplementierung, einer gewinnbringenden Parataxe oder eines vereinheitlichen Vergleichsverfahrens herausarbeiten lassen. Ziel der Tagung war es also, sich vergleichend anzuschauen, wie Theorienvergleiche in der Soziologie betrieben wer-den und was für oder gegen verschiedene Varianten des Theorienvergleichs spricht.

Der hohe Abstraktionsgrad des Anliegens wirkte sich auf manche Tagungsbeiträge in der Weise aus, dass sie nicht bis zum eigentlichen Thema kamen. So wurde von Referenten und Teilnehmern weniger die Frage bearbeitet, in welchem Verhältnis die Theorienvergleichsfor-men zueinander stehen, als vielmehr die "Vorfrage", wie aus der Perspektive des jeweils ver-tretenen Paradigmas ein sinnvoller Theorienvergleich zu machen ist und wozu. Damit ging es auf einer Abstraktionsstufe "unter" dem eigentlichen Tagungsthema in vielen Vorträgen dar-um, in welchem Verhältnis der Theorienvergleich zu den soziologischen Theorien und zur soziologischen Theoriebildung steht, und über diese Thematik wiederum verschob sich die Diskussion oftmals hin zu der Frage nach dem besseren bzw. 'richtigen' Theoriebegriff über-haupt. Die überwiegende Beschäftigung mit solchen "Vorfragen" gefährdete aber nicht in dem Sinne das Tagungsziel, dass es als verfehlt in Erinnerung blieb. Im Gegenteil: Zum einen war der Rekurs auf die theoretischen und methodologischen Grundlagen des Theorienver-gleichs wegen der Vielschichtigkeit des angestrebten Meta-Vergleichs der Theorienvergleiche gerechtfertigt. Zum anderen scheint es für einen zukünftigen Erfolg der neuerlichen Theo-rienvergleichsdiskussion notwendig, sich dieser Grundlagen - und nicht zuletzt der Gründe für die bisherige relative Wirkungslosigkeit von Vergleichsprojekten - zu vergewissern. Indem die Referenten wie ihre Kommentatoren vor allem je eigene Vorstellungen vom Theorienver-gleich explizierten, führten sie die "doppelt komplexe" Theorienvergleichslage vor Augen und repräsentierten das ganze Spektrum der Vergleichsvarianten wie der damit verbundenen theo-retischen Ansprüche. Dies hob die Dringlichkeit des Tagungsthemas um so deutlicher ins Bewusstsein.

Zu der zunächst grundsätzlichen Frage, ob das Vergleichen von soziologischen Theorien möglich und sinnvoll ist, formierten sich recht deutlich die beiden, in sich keineswegs einigen Lager der Theorienvergleichskritiker und -befürworter. So drehte sich eine Reihe kritischer Beiträge um die von ihren Protagonisten behauptete Irrelevanz bzw. Überflüssigkeit von The-orienvergleichen. Georg Kneer (Schwäbisch-Gmünd) vertrat einen inflationären Vergleichsbegriff, indem er darauf abstellte, dass die Operation des Vergleichens auf basaler Ebene Bestandteil jeder wissenschaftlichen Kommunikation sei und daher immer schon und wie selbstverständlich praktiziert werde. Vergleichende Betrachtung brauche und könne daher nicht als vermeintlich neutrale Sondermethodologie von außen an das Theorienfeld herangetragen werden. Auf der Ebene der expliziten Thematisierung des Theorienvergleichs sei dieser als Instrument zu betrachten, mittels dessen selbstreflexiv auf die Einheit des Wissenschaftssystems reflektiert werde. In diesem Sinne stehe der Theorienvergleich aber nicht besser da als die verglichenen Theorien selbst. Die Kommentatorin, Sina Farzin (Bochum), hob hervor, dass Kneer damit die Aussichtslosigkeit des Vergleichens in Hinsicht auf die Lösung theoretischer Probleme propagiere, da der Vergleich in seiner Perspektive Theorien immer nur kom-mentiere, aber nicht zu theoretischem Fortschritt führe.

In diskursanalytischer Absicht rekurrierte Urs Stäheli (Basel) in seinem Vortrag auf die Nicht-Voraussetzbarkeit der Einheit von Theorien und stellte sogleich den Gegenstand von Verglei-chen in Frage. Theorienvergleiche könnten nur auf Grundlage von "parasitären Lektürestrategien" zustandekommen, weil darüber die Theorien als Vergleichsgegenstände erst erzeugt würden. Urs Stäheli verband damit die Forderung, Theorienvergleiche müssten in maßgeblicher Weise als Ergebnisse einer sozialen bzw. theoriepolitischen Praktik begriffen werden. Andreas Ziemann (Weimar) kritisierte im Kommentar die Politisierung der Vergleichsarbeit und betonte, dass eine derartige Dekonstruktion nicht das Ende einer Analyse, sondern der Ausgangspunkt einer für den Vergleich zu entwickelnden Methodologie sein sollte.

Skeptisch zu den Erfolgschancen einer Neuauflage der Theorienvergleichsdiskussion, die er zudem als ein typisches Problem der deutschen Soziologie betrachtete, äußerte sich auch Wolfgang Knöbl (Göttingen). Theoretischer Fortschritt sei in der Geschichte der Soziologie stets durch hermeneutisch geprägte Bezugnahme von Theoretikern auf ihre Vorläufer, aber gerade nicht durch systematischen und leistungsbezogenen Theorienvergleich erreicht worden. Letzterem fehlten kontextunabhängige Selektionskriterien für einen verbindlichen Ver-gleichsmaßstab. Jeder Versuch, über einen solchen Maßstab Einigkeit unter den Paradigmen zu erzielen, sei wegen der in der Soziologie stets virulenten Konflikte, z.B. über das Verhält-nis von Theorie und Praxis oder Alltagswissen, zum Scheitern verurteilt. Deshalb sei Theo-rienvergleich nur in grundlegend kontext-sensibler Weise sinnvoll. Margit Weihrich (München) betonte in ihrem Koreferat, dass Knöbl die Theorienvergleichslage verkürzt präsentiert habe, da es auch Vergleichsvorschläge gäbe, die nicht auf Selektionskriterien ausgerichtet seien. Z.B. könnten verschiedene theoretische Perspektiven unter einer gemeinsamen Heuristik wie dem Modell der "Colemanschen Badewanne" rekonstruiert werden, um sie so auf die Bearbeitung eines empirischen Problems beziehen zu können.
Im Rahmen ihrer Positionen schlugen letztlich auch die genannten Kritiker eigene Varianten des Theorienvergleichs vor: den Theorienvergleich als autopoietisches Reflexionsinstrument (Kneer), als dekonstruktiven (Stäheli) oder historisch-kontextualisierenden Vergleich (Knöbl). Der Unmöglichkeit von Theorienvergleichen bzw. einer "Inkonsummerabilität" von soziolo-gischen Theorien redete keiner der Referenten das Wort, was - mit aller Vorsicht - vielleicht als eine gewisse Überwindung der Konfrontationslinien früherer Theorienvergleichsdebatten bewertet werden könnte.

Bemerkenswerterweise - wenn auch nicht überraschend - erwiesen sich die Konflikte zwi-schen den verschiedenen Befürwortern des Theorienvergleichs als tiefer und härter. Überein-stimmung herrschte unter ihnen nur im Hinblick auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, dass das Vergleichen von Ansätzen nicht lediglich "l'art pour l'art" sein dürfe, wie Roman Langer (Hamburg) es ausdrückte. Der Theorienvergleich müsse stattdessen in systematischer Weise und in Richtung auf Erkenntnisfortschritt durchgeführt werden. Bei der Frage, was unter einer angemessenen Systematik und unter Erkenntnisfortschritt zu verstehen ist, gingen die Vorstel-lungen aber sofort auseinander.

Auf Grundlage eines strengen, der analytischen Wissenschaftstheorie entnommenen Theorie-verständnisses vertrat Michael Schmid (München) in seinem Vortrag einen restriktiven Ver-gleichsbegriff. Unter der Voraussetzung, dass soziologische Theorien soziale Phänomene "erklären" müssen, da ihnen der Status einer Theorie ansonsten nicht zukomme, müsse der Theo-rienvergleich darauf zielen festzustellen, welche Theorie die jeweils bessere Erklärung liefere. Theorienvergleich sei - so Michael Schmid - nur als Leistungsvergleich im Rahmen von erklärungstauglichen Forschungsprogrammen sinnvoll machbar. Die Leitidee müsse sein, erklä-rungsschwächere bzw. fehlerhafte Theorien auszusortieren. Dies aber nicht im Sinne ihrer endgültigen Elimination, sondern ihrer Korrektur und der Herausarbeitung einer Approximationsbeziehung zwischen den verglichenen Theorien. Theorienvergleich lohne daher nur, wenn er Kritik und Evaluation enthalte und darüber zur Bekämpfung der multiplen Paradig-matase beitrage. Mit ähnlicher Stoßrichtung plädierte Hartmut Esser (Mannheim) auf der Podiumsdiskussion für Theorienintegration mittels Vergleichen. Der Theorienvergleich könne dem "Einbau" brauchbarer Teile von Theorien in die erklärende Soziologie dienen. Im Kom-mentar zu Schmid gab Rainer Greshoff (Hagen) zu bedenken, ob ein derartiger Leistungsvergleich auf der Basis eines strengen Theoriebegriffs nicht zu viele Theorieunternehmen benachteilige, deren Gegenstandskonzeptualisierungen durch eine zunächst "lockere" verglei-chende Bestandsaufnahme für die Theoriediskussion fruchtbar gemacht werden könnten.

Unter den Befürwortern des Theorienvergleichs, die einen weiteren Theoriebegriff voraussetzten, zeichneten sich mehrere Argumentationsrichtungen ab, die zu verschiedenen Vor-schlägen jeweils eigenständiger Vergleichsformen weiterentwickelt wurden. Zwei unter-schiedliche Varianten des hermeneutisch-rekonstruktiv orientierten Theorienvergleichs wur-den von Wolfgang Ludwig Schneider (Freiburg) und Rainer Greshoff (Hagen) vorgestellt. Beide zielten darauf, die Bedingungen dafür zu erhellen, dass Theorien überhaupt, d.h. vor jedem Leistungsvergleich, zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Aus Sicht einer evolutionstheoretischen Epistemologie seien Theorien stets auf Bezugsprobleme hin entworfen, die sie häufig aus älteren oder ungelösten Problemstellungen anderer Theorien gewännen und auf dem Wege der Problemverschiebung zu einem eigenen paradigmatischen Problem entwickelten, so Schneider. "Problemverschiebung" bezeichne dabei die Art und Weise, wie Theorien auf dem Wege der Entfaltung ihres Problems zu theoriespezifischen Folgeproblemen und darauf bezogenen Lösungsversuchen fänden. Sie würden so ihre Inkommensurabili-tät systematisch selbst erzeugen, oder wie es Uwe Schimank es in einem Beitrag ausdrückte: Theorien gerieten in Pfadabhängigkeiten ihrer eigenen Konstruktionen, so dass sie selbst beim Ausgang von gleichen Grundproblemen einander schließlich nur noch aus einiger Entfernung zuwinken könnten. Schneider plädierte deshalb dafür, dass in vergleichender Absicht zu-nächst das Grundproblem einer jeweiligen Theorie identifiziert werden müsse. Dann könne anhand der Rekonstruktion der Problemverschiebungen nachvollzogen werden, ob und wie sich theoretische Probleme und Lösungen entsprächen. Ein hermeneutisch-rekonstruktiver Zugang zu theoretischen Problemverschiebungen würde insofern zu Erkenntnisfortschritt füh-ren, als er diese Bewegung explizit und rational einsichtig mache. Thomas Kron (Hagen) trug in seinem Kommentar den Einwand vor, dass der Rekonstrukteur von Theorien dem je eigenen Interesse an bestimmten Problemen unterliege und eine Verzerrung durch Problemver-schiebungen daher auch das Vergleichsverfahren selbst betreffe. Die fundamentalere Schwierigkeit beruhe aber auf der konstruktivistischen Generierung von Problemen durch die zu ver-gleichenden Theorien. Dadurch sei kein Leistungsmaßstab definierbar, es müsse also vorher geklärt werden, welche Probleme die soziologischen Theorien überhaupt lösen sollen.

Rainer Greshoff (Hagen) schlug für den Theorienvergleich eine besondere Methodologie vor, die zu den zu vergleichenden Theorien einen unparteiischen Standpunkt markiere und sich auf die Erzeugung kumulativen Vergleichswissens richte, nämlich ein Vergleichen von Theorien auf ihre "Grundverhältnisse" hin. Im Ausgang von der Feststellung, dass jede soziologische Theorie Soziales zum Gegenstand habe, müsse am Anfang eines Theorienvergleichs gefragt werden, welches Verständnis des Sozialen einer Theorie zu Grunde liege. Nur so könne man wissen, ob Theorien überhaupt über das Gleiche oder ob sie über Verschiedenes reden. Ein Vergleichen auf die Frage hin, in welchem Verhältnis Theorien bezüglich ihrer Gegenstands-konzeptualisierung zueinander stehen, führe insofern zu Erkenntnisfortschritt, als Missver-ständnisse transparent gemacht würden und anschließend über geklärte theoretische Alternati-ven weiter verhandelt werden könne. Der Referent verband damit die Überzeugung, dass sich ein guter Teil der vermeintlichen Theorienvielfalt auf diesem Wege als "Pseudo-Pluralismus" herausstelle. Ein an die Grundverhältnisklärung anschließender Leistungsvergleich von Theo-rien werde dabei keinesfalls ausgeschlossen. Dieser könne aber nur der zweite Schritt sein. Michael Schmid (München) sah in dem Vorschlag die Gefahr einer unnötigen Komplizierung von Theorienvergleichen, die direkter auf Leistungsvergleiche abzielen sollten. Zudem ver-wies er auf die Notwendigkeit einer Bedeutungstheorie, wenn man Vergleiche als Grundver-hältnisklärungen so anlegen wolle, wie von Greshoff avisiert.

Joachim Fischer (Dresden) machte einen neuen Vorschlag zum Thema "Vergleich des Theo-rienvergleichs", in dem er in Konkurrenz zur Wissenschaftstheorie des Theorienvergleichs eine "Soziologie der Theorienvergleiche" konzipierte. Die Soziologie selbst müsse mit eige-nen Denkmitteln ihre multiparadigmatische Theoriekonstellation aufklären, indem sie von einer Sozialtheorie des "Dritten" aus die in ihrem Gegenstand (dem "Sozialen") unvermeidli-che Perspektivität aufdecke, die notwendig sowohl zu verschiedenen soziologischen Theorien wie zu verschiedenen Formen des Theorienvergleichs führe - eine Situation, wie sie die Theoriebildung in den Naturwissenschaften von ihrem Gegenstand her nicht kennen würde. Er stellte zudem eine weitere, den soziologischen Theorienvergleich an empirische Phänomene zurückbindende Vergleichsvariante des "Theorienvergleichs an einem Fall" vor und erläuterte dies am (zusammen mit Michael Makropoulos organisierten) Theorienvergleich bezogen auf den "Potsdamer Platz". Indem unterschiedlichen Theorien ein konkretes, ihnen selbst para-digmenfremdes und allen (am Anfang) gleich wenig vertrautes empirisches Phänomen zur Aufschlüsselung aufgegeben werde, könne man eine Rückbiegung des Theorienvergleichs in die Konkretion erreichen, noch bevor über die Frage, wie der Theorienvergleich theoretisch zu organisieren sei, reflektiert oder entschieden werden müsse. Die Theorien müssten sich stattdessen auf den Fall einlassen und würden zu einer Sachauseinandersetzung gezwungen. In der vergleichenden Beobachtung werde dann deutlich, was eine Theorie im Unterschied zu anderen Theorien am Phänomen sieht bzw. nicht sehen kann. Der Vorschlag von Fischer fand die volle Zustimmung seiner Kommentatorin, Gesa Lindemann (Berlin). Sie ergänzte jedoch, dass der Theorienvergleich an einem Fall nur dann wirklich kontrolliert durchführbar wäre, wenn man alle beteiligten Theorien darauf verpflichte, den gleichen - vorzugsweise sozialtheoretischen - Zugang zum empirischen Phänomen zu wählen. Erst dann würden die Unterschiede zwischen den theoretischen Perspektiven wirklich sichtbar und könne - über eine womöglich Konsensfiktionen mittransportierende Theorienkonfrontation hinaus - ein Theo-rienvergleich betrieben werden.

Roman Langer vertrat die Methode einer reflexiv-integrativen Theoriekonstruktion als Vor-schlag für den Umgang mit verschiedenen Theorien in der Soziologie. Er stellte zunächst die Regeln dazu vor und übertrug dann Verfahrensweisen der qualitativen Forschung auf das Theorienfeld, d.h. er wandte methodische Schritte wie analytische Beschreibung, Komponentenanalyse, die Sammlung von Kernaussagen, ihre Untersuchung auf Gemeinsamkeiten hin und ihre Zuordnung zu Schlüsseltheoremen sowie deren Zusammenstellung wiederum zu Erklärungsmodellen auf die Theorien an. Langer betrachtete damit Theorien als Texte, aus denen über die vorgeschlagene Methode am Ende analytisch klare und klar formulierte Teil-perspektiven in Bezug auf einen fraglichen Gegenstand herauszukristallisieren seien. Man wisse dann besser als vorher, was eine Theorie über den Gegenstand eigentlich aussage und könne diese Teilperspektiven vergleichend aufeinander und auf den Gegenstand beziehen. Auf diese Weise - gewissermaßen im Sinne eines synthetisierenden, Teilperspektiven integ-rierenden Vergleichs - sei die Bildung neuer Begriffe und Theorien möglich, die mehr erklär-ten als die Originaltheorien. Andrea Maurer (München) verstand in ihrem Kommentar das von Langer vorgeschlagene Verfahren als eine Art der Interpretation von Sinn- und Bedeu-tungsgehalten von Theorien und monierte die fehlenden Kriterien zur Leistungsbeurteilung. Ihrer Ansicht nach liefe die Methode deshalb auf eine weitere Vervielfältigung der Theorienlandschaft hinaus, nicht auf ihre wünschenswerte Systematisierung.

Eine interessante Abwechslung und wichtige Ergänzung bot der Vortrag von Annette Treibel (Karlsruhe) aus der Perspektive der Lehre in einem multiparadigmatischem Fach wie der Soziologie. Sie legte darin eine Unterscheidung verschiedener Typen von Theorienvergleichen abhängig vom jeweils anvisierten Publikum vor und beschäftigte sich mit der Wirkung von Theorievergleichen auf verschiedene Rezipientengruppen. Treibel betonte die Funktion von Theorievergleichen als Bestandteil der Lehre und plädierte für eine sach- und fachgerechte vergleichende Darstellung von Theorien in Lehrveranstaltungen, da die davon ausgehende Kanonisierungswirkung nicht unterschätzt werden dürfe. Als Instrumentarium für eine solche Darstellung empfahl sie eine Klassifizierung von Theorien in "heiße" und "kalte" und hob damit auf die in Theorien enthaltenen Versprechen aus der Nutzersicht ab.

Auch der Kommentator, Uwe Schimank (Hagen), betonte die Prägekraft von Theorieeinführungen und Theorievergleichsveranstaltungen auf Studierende. Er verband damit die Forde-rung, dass die Vermittlung von soziologischen Theorien an den Universitäten radikal enthisto-risiert und stattdessen problembezogen ausgerichtet werden müsse. Diese Position vertrat Schimank auch auf der abendlichen Podiumsdiskussion, die sich thematisch um eine Beurtei-lung der Theorienvergleiche in der Geschichte der Soziologie von 1974 - 2005 und eine Ein-schätzung ihrer zukünftigen Rolle drehte. Als weitere Diskutanten verwiesen Karl-Siegbert Rehberg (Dresden) und Constans Seyfarth (Tübingen) auf die gänzlich andere Lage der Theorienlandschaft zur Zeit der Vormachtstellung der Theorie von Parsons, die als eine Phase der Selbstabschließungen der Großparadigmen zu charakterisieren gewesen sei. Schon deshalb habe der damalige Theorienvergleich durchaus eine Wirkung gehabt, insofern er die Lage hin zu einer heute multiparadigmatischen verändert habe. Rehberg hob hervor, dass sich in Ab-solventenstudien die kognitive Schulung in theoretischer Polyperspektivität als Berufsvorteil von Soziologen und Soziologinnen herausgestellt habe. Er sprach dem Theorienvergleich auch in Zukunft eine wichtige Funktion zu, weil seiner Meinung nach die Klüfte nicht so sehr in den Differenzen der Theorien selbst, sonder vielmehr im unterschiedlichen Habitus und in den verschiedenen Subkulturen der soziologischen Theoretiker lägen. Der vor allem wissens-soziologisch anzulegende Theorienvergleich könne diesbezüglich zu einem Ausgleich bzw. zu größerer Gesprächsfähigkeit führen. Dementgegen sah Hartmut Esser (Mannheim) auf dem Podium die Soziologie auf eine noch größere Spaltung der verschiedenen Lager zutreiben und konstatierte die existentielle Gefährdung des Faches. Jost Halfmann (Dresden) steuerte seine Überzeugung bei, dass die ältere Debatte zum Theorienvergleich aus politischen Gründen auf Blockade angelegt gewesen sei, man sich heute aber in einer fortgeschritteneren Situation befinde.

Zusammenfassend kann als Fazit der bereits zu Beginn der Tagung von Uwe Schimank ge-machten Bemerkung zugestimmt werden, dass es sich mit Blick auf den erreichten Diskussionsstand nur um eine "Zwischenbilanz" zum Thema Theorienvergleich handeln kann. Eine Zwischenbilanz, die aber die Zuversicht nährt, dass die neuerliche Debatte vielversprechend begonnen wurde und daher dieses Mal weitertragen könnte als die der vergangenen Jahre. Die Organisatoren, Joachim Fischer und Rainer Greshoff, schlossen die Tagung mit dem Vorschlag, in der Soziologie eine Theorie-Forschungsinstanz zu institutionalisieren, die mit Ver-tretern aller relevanten Paradigmen besetzt sein sollte. Etwa in Form einer DFG-Forschergruppe oder eines Sonderforschungsbereichs könnten so die am Theorienvergleich interessierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für mehr Nachhaltigkeit in der Theorienvergleichsdebatte sorgen und zur Bearbeitung der multiparadigmatischen Verfassung der Soziologie beitragen.