Dr. Joachim Fischer
 
  Dr. Joachim Fischer 

S: Soziologie als Verhaltenslehre


 Seminarplan

 

Ort:   HSZ 201
Zeit:  Freitag - 4. DS
Beginn: 12. 10. 2007
Teilbereiche: Spezielle Soziologie, Theorie, Theoriegeschichte
Schwerpunkte: Kultursoziologie, kulturwissenschaftlich (Diplom), Kultursoziologie (Magister)
Leistungsanforderungen: Referat, Hausarbeit, Teilnahme
für Diplom, Bachelor, Magister Hauptfach, Magister Nebenfach, Lehrämter, Beifach

Module:
HUM EM Soz1 "Kultur und Gesellschaft",
HUM EM Soz2 "Soziologische Theorie und Theoriegeschichte",
Soz-GM 03 "Soziologische Theorie"

READER: Es wird eine Textsammlung zu Beginn des Seminars zur Verfügung gestellt.

Soziologie als praktische Wissenschaft ist das akademische Studium des „Umgangs mit Menschen“ (A. v. Knigge) differenziert nach Kontexten, Konstellationen und Klassifikationen. Durch die Soziologie hindurch läuft eine lange, mitunter durch starke normative und kritische Ansprüche verdeckte Denktradition der „Weltklugheit“ bzw. der Verhaltenskunst. Sie ist verbunden mit Machiavelli, Castiglione, Gracian, A. v. Knigge, mit Lehren des passenden sprachlichen (Rhetorik) und erfolgreichen Benehmens, und reicht bis in ihre historisch-soziologische Rekonstruktion als "Prozess der Zivilisation" (Norbert Elias). Auch die Ratgeber der „Subversion“ (Foucault) oder der „Imagepflege“ (Goffman) einerseits, die Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien mit ihren je codierten kommunikativen Anschlusswahrscheinlichkeiten (Luhmann) andererseits, lassen sich als Verhaltenslehre in der Soziologie lesen. Die Stichworte für diese Denktradition der Verhaltenskunst sind Benehmen (behavior), Courtoisie, Civility, Politeness, Strategie, Taktik, Takt, Diplomatie, Manipulation, psychologische Kriegsführung, Propaganda, Subversion, Kunst der Intrigen, Rhetorik und Eristik, Techniken der Macht und der Verführung, interpersonelle Intelligenz, soziale Kompetenz. Die Lehrveranstaltung will dieses zerstreute Wissen (das teilweise in andere Disziplinen wie Psychologie, Management-Wissen, Public Relations, Psychological Operations, Kulturwissenschaft (Dekonstruktion), Sprachwissenschaft (Rhetorik) abgewandert ist) in der Soziologie sammeln und damit diese Denktradition der Soziologie als Verhaltenslehre erneuern.

Balthasar Gracián, Handorakel und Kunst der Weltklugheit, übers. von Arthur Schopenhauer, München: Beck 2005

Baldassare Castiglione, Der Hofmann: Lebensart in der Renaissance, Berlin: Wagenbach 1999

Niccolò Machiavelli, Der Fürst, Frankfurt am Main/Leipzig: Insel 2001

Adolph Frhr. von Knigge, Über den Umgang mit Menschen, hrsg. von Gert Ueding. Mit Ill. von Chodowiecki, Frankfurt a.M./Leipzig: Insel 2001

Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1998.

Gert Ueding/ Bernd Steinbrink, Grundriß der Rhetorik: Geschichte, Technik, Methode Stuttgart/Weimar: Metzler 1994

Rainer Wälde (Hrsg.), Der große Knigge: mit Takt und Stil zum Ziel, Bonn: Verlag für die dt. Wirtschaft 20XX

Thomas Baumer, Handbuch interkulturelle Kompetenz, 2 Bde. / Zürich: Füssli 2002/2004

Robert Greene, Power: die 48 Gesetze der Macht, München: dtv 2001

autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe, Luther Blissett, Sonja Brünzels: Handbuch der Kommunikationsguerilla - wie helfe ich mir selbst, Hamburg und Berlin 1997

Helmuth Plessner, Die Logik der Diplomatie. Die Hygiene des Taktes, in: Ders., Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus, mit einem Nachwort v. J. Fischer, Frankfurt a.M. 2002: Suhrkamp, S. 95-112.

Erving Goffman, Wir alle spielen Theater: die Selbstdarstellung im Alltag, München/Zürich: Piper 2003

Niklas Luhmann, Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien, in: Ders., Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, Opladen 1975, S. 170-192